20. September 2018

Top6 Themen: Alkoholische Polyneuropathie - Nervenschmerzen

Alkoholische Polyneuropathie

Alkoholische Polyneuropathie Nervenschmerzen Themen und Krankheit
Bei der alkoholischen, exotoxischen (dem Körper von außen zugefügte Gifte) Polyneuropathie handelt es sich um eine Nervenerkrankung infolge übermäßigen Alkoholkonsums.

Sie manifestiert sich als Folge der Schädigung des peripheren Nervensystems in Sensibilitätsstörungen, Gehstörungen, Wadenkrämpfen oder erhöhter Druckempfindlichkeit von Nerven. Insbesondere an den Extremitäten (Finger, Zehen) kann es zu Dauerschmerzen kommen.

Zu Beginn einer alkoholischen Polyneuropathie kommt es häufig zu Kribbeln, Pelzigkeit, Taubheitsgefühl und teilweise auch nächtlichen Schmerzen vor allem in den Füßen, seltener auch in den Händen. Schreitet die Krankheit fort, führt sie zu brennenden Dauerschmerzen im Bereich außerhalb des Gehirns und Rückenmarks gelegener (peripherer) Nerven, Fehlempfindungen (Parästhesien), einer gesteigerten Empfindlichkeit für Sinnesreize (Hyperästhesien), gesteigerter Berührungsempfindlichkeit (Hyperpathie), Veränderung des Schweißverhaltens (Sudomotorik), Druckschmerzhaftigkeit von Nerven und Muskeln sowie zu Wadenkrämpfen bzw. Reizerscheinungen in der Muskelfunktion (Motorik). In schwersten Fällen kann dies Gangstörungen aufgrund von motorischen Ausfällen verursachen. Besonders charakteristisch ist hierbei die Unfähigkeit, Zehen bzw. den gesamten Vorderfuß zu heben, was sich auf eine Lähmung der sog. Peroneus- bzw. Fibularisnerven zurückführen lässt. Ebenfalls typisch sind handschuh- oder sockenförmige Sensibilitätsstörungen, wobei der brennende Schmerzcharakter zur Verwechslung mit einer Kausalgie (komplexes regionales Schmerzsyndrom Typ II) führen kann. Zu Schmerzattacken wie bei einer Neuralgie kommt es ganz selten, eher schon zu schmerzhaften Muskelzuckungen (Crampi).

Für die alkoholische Polyneuropathie gibt es grundsätzlich zwei Ursachen:
1. Die direkte giftige Wirkung des Alkohols auf Nervenzellen, oder
2. Eine indirekte Schädigung als Folge von Mangel- und Unterernährung, wie sie häufig bei Alkoholikern zu finden ist. In diesem Fall wird die Krankheit als degenerative (= funktionsgeminderte) Polyneuropathie bezeichnet.

Die alkoholische Polyneuropathie kann sich in vielen verschiedenen Ausprägungen zeigen, die abhängig sind vom Ausmaß der Schädigung, den betroffenen Regionen und der Art der Nervenfasern. So unterscheidet man einerseits rein die Empfindlichkeit betreffende (sensorische) Formen von denen, die sowohl die Empfindlichkeit als auch die Muskelkraft (sensorisch-motorisch) betreffen, sowie andererseits symmetrische von asymmetrischen Formen.

Diagnostisch am wichtigsten sind zunächst eine gründliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und die direkte körperliche Untersuchung. Patienten schildern typischerweise Gefühlsstörungen, Lähmungen und Gangunsicherheit, während Muskeleigenreflexe nur schwach bis gar nicht auslösbar sind (Hypo- bis Areflexie) und zusätzlich Muskelschwund (Atrophie) zu beobachten ist. Desweiteren findet sich bereits frühzeitig eine Abnahme des Vibrationsempfindens (Pallhypästhesie bis Pallanästhesie), was sich durch eine auf die Haut aufgesetzte Stimmgabel prüfen lässt. Zur Sicherung der Diagnose werden technische Hilfsmittel herangezogen, wie die Elektromyographie (EMG) oder die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG). Eine zusätzliche Beteiligung des autonomen Nervensystems wird durch einen Schweißtest geprüft.


Therapie

1. Allgemeine Therapien:

Die primäre Therapie, die die Ursache der Krankheit entfernt (kausale Therapie), besteht zunächst in der sofortigen und strengen Alkoholabstinenz, die eventuell auch unter Entzug erreicht werden muss, sowie der Normalisierung der Ernährungsgewohnheiten.

Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl weiterer Therapiemöglichkeiten, die auf die Krankheitszeichen (Symptome) ausgerichtet sind:

a) Vitaminersatz (Vitaminsubstitution) mit der Nahrung: Verabreichung mehr oder weniger hoch dosierter Vitamine, die Nervenzellen beim Wiederaufbau ihrer geschädigten Isolierung helfen. Deutliche Erfolge werden hierbei nur mit Vitamin B1 erreicht, während hohe Dosen von Vitamin B6 selbst schädlich für die Nerven sein können. Über die Wirkung von Vitamin B12 liegen keine gesicherten Daten vor.

b) Medikamentöse Schmerztherapie: Wie bei allen Nervenschmerzen sind die Erfolge mit herkömmlichen Schmerzmitteln eher bescheiden. Ein Ansatz ist das Antidepressivum Duloxetin (Cymbalta®), mit seiner schmerzdistanzierenden Wirkung. Ansonsten wirken am besten Antiepileptika, z. B. Gabapentin (Neurontin®), Pregabalin (Lyrica®) oder Carbamazepin (z.B. Tegretal®).

c) Physikalische Maßnahmen:

- kalte oder warme Wickel
- Wechselbäder, Kneipp`sche Güsse
- oberflächliche Kältebehandlung (Kryobehandlung) mit Kondensationsdampf aus flüssigem Stickstoff oder Kaltluftgenerator.
- T.E.N.S (in einigen Fällen)

2. Weiterführende Methoden der speziellen Schmerztherapie bzw. einer Schmerzklinik:

In einer Schmerzklinik werden Methoden aus dem Bereich der sog. „speziellen Schmerztherapie“ eingesetzt. Die optimale Therapie chronischer Schmerzen, und damit die Behandlung einer alkoholischen Polyneuropathie, erfordert immer eine ganz individuelle Kombination von verschiedenen Verfahren der speziellen Schmerztherapie. Die Methoden einer Schmerzklinik im Einzelnen sind:

● Therapeutische Lokalanästhesie/ kontinuierliche Blockade mit Katheter*

Bei der therapeutischen Lokalanästhesie werden (möglichst lang wirkende) örtliche Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) (z. B. Bupivacain) an bestimmten Stellen in den Körper eingebracht. Für die Injektionen werden sehr feine Nadeln verwendet, was von der Empfindung her dem Setzen von Akupunkturnadeln ähnelt. Die Betäubungsmittel werden entweder in die schmerzende Stelle (Infiltration) oder direkt an den schmerzleitenden Nerv gespritzt (Nervenblockade). Als führende Therapieform, gerade speziell bei der alkoholischen Polyneuropathie, gilt heute die sog. „kontinuierliche Blockade mit Katheter*“, eine minimal-invasive und nebenwirkungsarme Betäubung schmerzleitender Nerven, die mit Hilfe eines eingepflanzten, dünnen Kunststoffschlauches (Katheter) durchgeführt werden. Gerade diese „kontinuierliche Blockade mit Katheter*“ kann bei Nervenschmerzen und damit bei der alkoholischen Polyneuropathie, zum Teil erstaunliche Erfolge aufweisen. Desweiteren bewirkt die Methode eine (lokale) Durchblutungssteigerung, wodurch eine Regeneration der betroffenen Nerven, und damit eine Beschwerdelinderung der alkoholischen Polyneuropathie insgesamt erfolgen kann.

● Analgetikatestung

Zu Beginn eines stationären Aufenthaltes sollte (wenn möglich) eine sog. Analgetikatestung durchgeführt werden. Die Problematik bei Nervenschmerzen besteht ja u. a. darin, daß medikamentöse Therapien oft keine oder zu geringe Wirkung zeigen. Mit Hilfe dieser Maßnahme besteht aber zumindest für den Patienten die Chance, sollte ein Bedarfsfall doch nochmals eintreten, wenigstens auf ein wirkendes Medikament zurückgreifen zu können.

● Ergänzende Methoden

In einer Schmerzklinik werden ergänzende Methoden gezielt zur Unterstützung und Sicherung des Behandlungserfolgs eingesetzt, als reine Monotherapie (alleinige Behandlung) sind diese Methoden bei Nervenschmerzen sonst allerdings nicht ausreichend. Diese Methoden, speziell bei der alkoholischen Polyneuropathie sind:

- Hochtontherapie
- Spezielle Physiotherapie (Krankengymnastik und andere Anwendungen)
- Hypnoide (bewußtseinsverändernde) Verfahren, wie z. B. das autogene Training oder die progressive Relaxation nach Jakobson
- Schmerzbewältigungstraining
- Spezielle Schmerzakupunktur

Wenn chronische Schmerzen längerfristig bestehen, wird normalerweise ein Chronifizierungsgrad II oder III erreicht (Mainzer Stadieneinteilung) erreicht. In diesen Fällen ist eine rein körperliche Behandlung kaum noch ausreichend, sondern es sollten in Ergänzung psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.



Die hier beschriebene Therapie wird in folgenden Kliniken angeboten:
Schmerzklinik Bad Mergentheim


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Verwandte Suchbegriffe zu Nervenschmerzen:
Neuropathische Schmerzen, Nerveneigenschmerzen, neuropathisches Schmerzsyndrom

Autor: Prof. Dr. med. Rolf Leeser

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